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Einstein-Hilbert Priorität
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Am Sonntag den 20. November 2005 erschien in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" eine eindrucksvoll aufgemachte Doppelseite mit einem ausführlichen Artikel des Direktors des Max-Planck Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, Jürgen Renn, seiner Mitarbeiterin Milena Wazeck und dem Redakteur der FAS Ulrich von Rauchhaupt über den Einstein - Hilbert Prioriätsstreit bzw. darüber, wer die Gravitationsgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie als erster entdeckte: Albert Einstein oder David Hilbert?

Dieser Artikel war in so ungewöhnlicherweise einseitig, dass er nicht unwidersprochen blieb. Sämtliche Fehler und Unterstellungen Renns richtigzustellen, war schon allein auf Grund der Länge von Renns Artikel in einer zur Publikation in der FAS gedachten Erwiderung ausgeschlossen. Dennoch unterzeichneten acht Wissenschaftler und Autoren eine Erwiderung, die einige dieser Fehler aufführte.

Obwohl Renns Artikel journalistische Grundsätze eklatant verletzte, war die FAS bis zu Ihrer Ausgabe vom 25.12. nicht bereit, diese Richtigstellung auf ihn zu publizieren. Die Unterzeichner dieser Erwiderung sehen sich daher genötigt, ihre Erwiderung im Internet zu publizieren, obwohl sie wegen ihrer notgedrungenen Kürze nur eine erste, unvollständige Antwort auf die Vielzahl von Unterlassungen und Fehler Renns sein kann.
Göttingen, den 25.12.2005.

Erwiderung 30. November 2005

Schön, dass Sie in Ihrer Ausgabe vom 20.11. Einsteins und Hilberts und der Entdeckung der Allgemeinen Relativitätstheorie vor 90 Jahren gedachten (S. 76 und 77). Erstaunlich war aber der Artikel Jürgen Renns "Einstein, Hilbert und der geheimnisvolle Schnipsel". Den Auslöser seines Artikels - das Buch der Göttinger Wissenschaftshistorikerin Daniela Wuensch "'zwei wirkliche Kerle' Neues zur Entdeckung der Gravitationsgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie durch Albert Einstein und David Hilbert" - erwähnt er nicht, so dass Ihre Leser seine Ausführungen nur glauben, sie aber nicht überprüfen können. Journalistischer Gepflogenheit entspricht auch nicht, dass nur eine Sicht - die Renns - zum Ausdruck kommt.

Verblüffend auch Renns Aussage, dass "die Frage nach der Priorität falsch gestellt" sei. Offenbar meint er damit, sie sei falsch gestellt von den "selbsternannten Anwälten Hilberts". Denn Renn selbst hatte ja 1997 mit Corry und Stachel über die Prioritätsfrage entschieden, wie der Titel ihres Artikels verkündete: "Belated Decision in the Hilbert-Einstein Priority Dispute". Bis dahin hatte Hilbert als der gegolten, der die Feldgleichungen fünf Tage vor Einstein vorgelegt hatte. In Hilberts Korrekturfahnen vom 20.11.1915 hatten die drei aber nicht die Feldgleichungen in endgültiger Form entdeckt. Sie schlossen: Hilbert hatte sie also am 20.11. noch gar nicht und muss sie aus Einsteins Arbeit vom 25.11. übernommen haben. Diese Umkehrung der Priorität ging - unter Schlagzeilen wie "Einsteins Ehrenrettung" (SZ 27.11.1997) - weltweit durch die Presse.

Corry, Renn und Stachel erwähnten aber nicht, dass aus dieser Quelle ein Teil ausgeschnitten war im Umfang von neun Zeilen, genug für die vermissten Gleichungen. Fotos, auf denen dieser Ausschnitt deutlich zu sehen ist, sind im Heft 5 (September 2005) von "Physik in unserer Zeit" veröffentlicht (und: termessos.de/prooffotos.htm). Diesen Ausschnitt einfach nicht zu erwähnen und zu behaupten, Hilberts Korrekturfahnen enthalten nicht die Feldgleichungen, ist ein Vorgehen "vergleichbar mit dem eines Experimentalphysikers, der in seiner Veröffentlichung unerwünschte Daten weglässt", wie der maßgebliche Einstein-Biograph Albrecht Fölsing am 14.9.2005 in der Süddeutschen Zeitung von Thomas Bührke zitiert wurde. Bührke fragt darin: "Ist es zulässig, einen weltberühmten Mathematiker aufgrund einer unvollständigen historischen Quelle posthum des Plagiats zu bezichtigen?"

Warum haben Renn und seine Co-Autoren 1997 bei ihrer pompösen Entthronung Hilberts diesen Ausschnitt nicht erwähnt? Weil sie dann Hilbert nicht mehr des Plagiats hätten überführen können? Renn nennt die, die ihn kritisieren "selbsternannte Anwälte Hilberts", doch indem er und seine Co-Autoren unerwähnt ließen, was ihre Behauptung eingeschränkt hätte, waren sie es, die als Anwälte Einsteins agierten. Renn, Direktor des Max-Planck Instituts für Wissenschaftsgeschichte, sollte im übrigen verinnerlicht haben, dass ein Historiker kein Anwalt, sondern ein Untersuchungsrichter sein sollte.

Schuld an dem Schlamassel sind für Renn natürlich nur die anderen: 1997 erregte "der von einem Blatt der Fahnen abgeschnittene Teil noch keine Aufmerksamkeit" - wie auch, wenn er ihn damals nicht einmal erwähnte? Erst dem Schüler Heisenbergs und Professor für theoretische Physik F. Winterberg fiel 2003 auf, dass dieser Ausschnitt dem Plagiatsvorwurf an Hilbert den Boden entzieht. Daniela Wuensch hat in eingehender Analyse aller Quellen Erstaunliches entdeckt, das sich nur als Werk eines Fälschers erklären lasse.

Renn legt in seinem Artikel dar, warum seiner Ansicht nach der Ausschnitt keine "Schlüsselrolle" spiele: Der fehlende "Schnipsel" ließe sich "ohne Mühe rekonstruieren", da er "nur eine Trivialität enthielt": "die Aufspaltung von Hilberts Theorie in einen Gravitationsteil und einen elektromagnetischen Teil". Renn verschweigt, dass er damit eine Formel meint, die gerade einmal zwei Zeilen der neun Zeilen des Ausschnitts beansprucht.

Renn behauptet, Einstein habe schon 1913 den "korrekten Ansatz gefunden" und sogar "die richtige Formel". Doch eine lineare Näherung (eine Formel nur für schwache Gravitationsfelder) war für eine Allgemeine Relativitätstheorie nicht ausreichend. Renn behauptet weiter, Hilberts Theorie vom 20.11. sei auf "besondere Koordinatensysteme" beschränkt, Einsteins Theorie dagegen nicht. Das ist falsch. Wie man schon den von Renn beigefügten Abbildungen der Korrekturfahnen entnehmen kann, spricht Hilbert ausdrücklich von "einer beliebigen Transformation der Weltparameter" (Koordinaten).

Renn will Hilbert damit diskreditieren, dass er seine Theorie mehrfach mathematisch umgebaut und vereinfacht hat, ohne das Datum vom 20.11.1915 zu ändern. Doch Hilberts Gleichungen blieben immer dieselben und sind richtig auch in impliziter Form. Um zur endgültigen Form zu gelangen, musste Hilbert nur eine einfache Ableitung machen, deren zweiter Term der "Spurterm" war. Das haben mit eingehender mathematischer Sachkenntnis 2004 auch drei angesehene russische Relativitätstheoretiker gezeigt.

Hilbert hielt seinen Vortrag übrigens schon am 16.11.1915 und nicht erst am 20.11., wie Renn behauptet.

Renns apodiktische Wahrheiten beruhen auf Voreingenommenheit und oberflächlichem Blick. Er fragt "Was steckt dahinter?" bei den "Anwälten Hilberts" und verweist auf den weiteren Artikel in Ihrer Ausgabe vom 20.11 von Milena Wazeck: "Physik in bräunlichem Sumpf". Wo ihm die Argumente ausgehen, flieht er in die ideologische Insinuation. Soll das die wissenschaftliche Methode eines Direktors des Max-Planck Institutes für Wissenschaftsgeschichte sein?

Dr. h.c. Gerd Biegel, M.A.
Bertramstr. 59
38102 Braunschweig

Dr. Dieter Ebner
Physics Department
University of Konstanz
78457 Konstanz

Dr. Tobias Jung
Institut für Philosophie
Universität Augsburg
Universitätsstr. 10

Dr. Vladimir Petrov
Lomonosov-Universität
Fakulät für Theoretische Physik
Institut für Hochenergie Physik
Protvino, Moskauer Gebiet
Russische Föderation

Klaus P. Sommer
Stargarder Weg 10
37083 Göttingen

Prof. Dr. Thomas Sonar
AG Partielle Differentialgleichungen
Computational Mathematics
Carl-Friedrich-Gauß-Fakultät
TU Braunschweig
Pockelsstraße 14
38106 Braunschweig

Prof. Dr. Friedwardt Winterberg
Department of Physics / 220
University of Nevada
Reno, Nevada 89557-0058
USA

Dr. Daniela Wuensch
Institut für Wissenschaftsgeschichte
Papendiek 16
37073 Göttingen


F. Winterberg hat Milena Wazeck auf ihren Artikel "Physik in bräunlichem Sumpf" hin eine E-Mail geschrieben, die inhaltlich interessant ist und wir daher hier dokumentieren wollen:

E-Mail Winterbergs an Wazeck vom 27. November 2005

Dear Ms. Wazeck,
in reading your article in the FAS from Nov. 20.2005, I found some errors.

1. Woldemar Voigt (I believe Max Born was his Assistant and successor), was not a Professor of mathematics but of physics. He is considered not only as one of the most outstanding physicists of the 19th century, but also wrote a book about Bach's cantatas, quoted extensively by Albert Schweitzer. Besides many other important contributions, like having first derived special Lorentz transformations, he is famous for having established the theory of crystal groups.

2. Gerber's theory was a theory of gravity similar to Weber's pre-Maxwell theory of electrodynamics. It was for this reason not so totally absurd.

3. While one needs for the perihelion motion second order nonlinear terms involving space curvature, this is not the case for the deflection of light which can be described without space curvature. For light the gravitational mass is the sum u+3p=2u, hence twice as large, because for radiation p=u/3 (u energy density, p radiation pressure, see for example Tolman Relativity, Thermodynamics and Cosmology, p 272).

The charge of plagiarism against Einstein was not always unjustified. In his 1905 paper on the special theory of relativity he only quoted his mediocre friend Besso, but failed to quote Lorentz, considered the greatest theoretical physicist of his time and also failed to quote Poincare who first coined the phrase "principle of relativity" and who also first correctly derived E = mc^2 (in the equivalent form E = pc). In the general theory of relativity Einstein did not give his friend Marcel Grossmann the proper credit, demoting him to someone who only helped him to search the literature. The truth rather is that Grossmann was the first in the history of physics who correctly guessed the vacuum field equation, giving Einstein the crucial clue in his still incomplete form of the field equation. And there can be no doubt that Hilbert was the first who had arrived at the finally correct form of the gravitational field equation, contrary to what Mr. Renn, a historian with a limited knowledge in theoretical physics, seems to believe. Because even with the cut out parts, Hilberts proofs still contain the correct form of the gravitational field Lagrangian and also his covariant variational principle, both of which are mathematically equivalent to the differential form of the field equations. The situation is somewhat similar to the equivalence of Heisenberg's matrix mechanics with Schroedinger's equation. Mr. Renn's opinion, that the evaluation of the variational derivative in Hilbert's variational principle (a simple exercise for Hilbert) would be as difficult as the computation of the billionth digit of pi, was probably one of the reasons why Professor Logunov, an internationally acclaimed authority, questioned Mr. Renn's and his co-authors professional expertise. Not mentioning the cut out part (a third of a on both sides printed page proof, much more than a "Schnipsel"), in a paper which claimed to have finally settled the priority dispute, was an act of scientific deception.

I applaud your efforts to shed light into the history of physics, but it would be a good idea if you get your results checked by someone who knows more about it before you make them public. I would be more then happy if I can be of help.
Sincerely F. Winterberg.

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